Hongkong

Mein erster Eindruck von Hongkong hätte kaum besser sein können! Der Flughafen ist ziemlich groß- aber wunderbar gut organisiert! Besser – und vor allem zuvorkommender – als so mancher „westliche“ (Australien eingeschlossen) Flughafen, den ich besucht habe. Statt Taxifahrern, die versuchen einen übers Ohr zu hauen, warten draußen Busse und Züge, um einen in die Stadt zu bringen, die „Octopus Card“, mit der man bargeldlos im öffentlichen Nahverkehr bezahlt ist leicht zu bekommen und später ebenso leicht wieder loszuwerden, wobei man das Restguthaben ausbezahlt bekommt.

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Es war bereits dunkel, als ich mein Hostel im Stadtteil Causeway Bay erreichte, und ich war froh, mit allen meinen Habseligkeiten tatsächlich hier angekommen zu sein, denn unterwegs gab es da ein paar Komplikationen. Mein Flug ging von Koh Samui zunächst nach Bangkok, wo ich Flugzeug und Airline wechseln musste! Letzteres schien mir intuitiv ein Risikofaktor für die erfolgreiche Ankunft meines Gepäcks zu sein, doch die Dame am Check-In beruhigte: alles kein Problem, da gibt’s ein Abkommen. Aha. Als ich in Bangkok wieder das Terminal betrat, wartete schon ein schicker, kleiner Thai auf mich, der mich eiligen Schrittes zu meinem Gate eskortierte- offenbar machte man ein bisschen Stress, zugegeben allzu viel Transitzeit war nicht. Dennoch war ich noch vor dem Boarding am Gate, was meinem Rucksack – dem Aufgabegepäck – anscheinend nicht vergönnt sein sollte. In schlechtem Englisch machte mir die Airlinebedienstete klar, dass mein Gepäck den Anschlussflug wohl nicht mehr erreichen würde, und fragte mich, ob ich auch ohne den Rucksack fliegen wollen würde. Entgeistert verneinte ich – wenn ich jetzt von der Tasche getrennt würde, sähe ich die doch nie wieder! Bis die mich in Hongkong gefunden hätten wäre ich bestimmt schon weiter gezogen – das kam nicht in Frage, zumal ich außer meinen Wertsachen und einem Pulli auch nix im Handgepäck hatte, womit ich mich hätte über die Runden retten können…
Auf meine Frage, was denn jetzt die Optionen seien, wurde lediglich die vorherige Frage wiederholt, so als ob ich derjenige sei, der hier kein Englisch verstünde. Negativ fiel mir überdies eine gewisse Gleichgültigkeit auf, mit der die Mitarbeiterin von Sri Lankan Airlines immer wieder auf die Zuständigkeiten von Bangkok Airways verwies – die seien ja immerhin zu spät gewesen. Schließlich hielt man mir ein Telefon hin: Bangkok Airways! Die Hoffnung, dass mir nun ein im Kundenservice versierter Mitarbeiter in flüssigem Englisch mal ein paar vernünftige Vorschläge unterbreiten würde, zerschlug sich allerdings schnell! In wiederum fragmentarischen Sätzen wurde ich erneut darüber informiert, dass ich ja auch ohne Rucksack fliegen könne. Ansonsten würde der nächste Flug halt erst in zwei Tagen gehen… – Ja äh, und wie genau würde mich dann der Rucksack innerhalb eines akzeptablen Zeitfensters erreichen, wenn auch der erst in zwei Tagen auf die Reise gehen sollte?! Das war doch alles Schwachsinn! Mit etwas mehr Nachdruck wies ich darauf hin, dass unter den gegebenen Umständen es wohl für beide Seiten am einfachsten wäre, wenn sich jetzt jemand meine Tasche nimmt und sie rüber zu dem verdammten Flugzeug fährt – schließlich war bis zum planmäßigen Abflug noch ne halbe Stunde Zeit! – Hm Tja, sie würde es nochmal versuchen! Und siehe da- wenig später sah ich das gute Stück im Bauch des Fliegers verschwinden – das war wohl noch mal gut gegangen!

Damals auf den Cookinseln hatte ich Desmond kennengelernt, einen waschechten Hongkong-Chinesen, mit dem ich mich im Rahmen dieses Aufenthalts auf jeden Fall treffen wollte!
Da mein Entschluss, Ko Phangan gleichsam fluchtartig zu verlassen ja durchaus etwas kurzfristig gefasst war, konnte ich auch Desmond nur knapp vorher informieren. Zum Glück hatte er aber sowieso das Wochenende frei, und begann sogleich einen Plan für meinen Besuch auszuarbeiten. An meinem ersten Tag, einem Freitag, ließ ich mich aber erst mal ein wenig durch das Viertel treiben, aß als einziger Weißer in einem kleinen Lokal zu Mittag und besichtigte die erste Pflichtattraktion, den „Peak“. Von diesem Berg, an dessen Hängen die Reichen und Schönen wohnen, hat man einen tollen Blick über die Stadt, den Victoria Harbour und Mongkok auf der anderen Seite des Wassers. Leider war es ziemlich diesig- schön war es trotzdem!

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Wie zu erwarten allerdings auch eine Massenveranstaltung, was sich insbesondere bei der Fahrt nach oben in der historischen Cable-Car Tram zeigen sollte. Säuberlich eingepfercht schoben sich die Massen durch den Anstellbereich und wurden schließlich nach kurzer Fahrt in einem monströsen Visitors-Center auf dem Gipfel wieder ausgespuckt. Bis man es hier mal auf die Aussichtsterrasse geschafft hatte musste man zum einen zunächst den Andenkenladen verlassen, in dem die Fahrt endete, zum anderen vorbei an zahlreichen weiteren Optionen, auf dem Weg nach oben noch ein paar Hundert Dollar auszugeben, denn die Gipfelstation war im Grunde nichts anderes als ein großes Einkaufszentrum! Auf der Terrasse noch schnell zwei kostenpflichtige Fotooptionen ausgeschlagen- schon stand ich staunend am Geländer!

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Die erste Option, ein ‚tolles Andenken‘ an die Stunde in der Schlange zu erwerben, hätte es bereits an der Talstation gegeben: wenn man nicht – wie ich – dankend ablehnte, wurde man dort schon mal vor einem Pappaufsteller der Gondelbahn fotografiert. Ähnlich wie an der Seilbahn in Queenstown/NZ (und noch bei manch anderer Gelegenheit auf dieser Reise) lag auch hier die Antwort auf die Frage „Wer macht sowas?!“ auf der Hand: die Chinesen! Die Festland-Chinesen und Koreaner sind es wohl auch, für die es all die Einkaufszentren und Markenshops gibt, die man an jeder Ecke der Stadt findet – und davon gibt es eine ganze Menge!

Gegen 18:00 Uhr traf ich mich mit Desmond, und nach einem großen Hallo der Wiedersehensfreude konnte das Programm beginnen: Als erstes fuhren wir mit der Fähre rüber auf die Mongkok-Seite und konnten dort von der Promenade aus die nächtliche Skyline bewundern!

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Dann besuchten wir ein Restaurant, das spezialisiert war auf ein ziemlich traditionelles Gericht: den Hotpot! Man kann sagen, das ist die Hongkong-Variante von Fondue! In einem zweigeteilten Topf auf dem Tisch köchelte Brühe und Satay-Suppe vor sich hin, und man konnte aus einem breiten Spektrum an Dingen wählen, die man da dann zum Garen reinwarf. Nur mit Mühe konnte ich Desmond daran hindern „Testicles“ – also Hoden (…von welchem Tier auch immer)  – zu bestellen… Beim Hühnerdarm habe ich mich allerdings reinlegen lassen… Alles in allem war es aber ein äußerst schmackhaftes Essen – und ein sehr authentisches Erlebnis, denn ein Blick in die Runde zeigte schnell- außer mir hatte sich kein anderer Weißer hierhin verirrt!

Anderntags zogen wir kreuz und quer durch die Stadt, sahen Ramschmärkte und Einkaufszentren, Kneipen und Cafés, und sogar eine am Hang liegende Gasse, die man auch mit Rolltreppen befahren konnte. Da der Platz begrenzt ist, wird nach oben gebaut, und es gibt Wolkenkratzer wohin man schaut. Überall fahren Doppeldecker Busse und es gibt sogar Doppeldecker Straßenbahnen – zum einen sicherlich in guter englischer Tradition, zum anderen, weil es angesichts der 7 Millionen Einwohner durchaus sinnvoll erscheinen mag.

Aus einem Jackie Chan Film hatte ich eine Szene in Erinnerung, in der er sich eine wilde Verfolgungsjagd in einem nur aus Bambus erbauten Baugerüst liefert. Damals dachte ich, dass wäre sicherlich nur ein Gag für den Film gewesen, jetzt musste ich aber fasziniert feststellen: die machen das wirklich so! Bambus und etwas Bindfaden- damit werden hier Hochhäuser eingerüstet!

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Mittags aßen wir Streetfood, und ich schätze, dass ich Desmond hier etwas frustriert habe, da ich hart geblieben bin, als es darum ging, vermeintliche Köstlichkeiten wie Hühnerknorpel, oder die bunt Tüte mit Hühnernieren und Tintenfischteilen zu probieren. Zum Tintenfisch habe ich mich sogar breitschlagen lassen, war allerdings nicht so mein Fall… Das Spießchen mit den Hühnerköpfen stand zum Glück nicht zur Debatte, aber ich kam nicht umhin zu bemerken, dass die lokale Küche nach dem köstlichen Thai Food der letzten Wochen doch deutlich abfiel.

Abends trafen wir uns dann zum Essen mit einigen Freunden von Desmond, die allesamt natürlich fließend Englisch sprachen und offenbar schon länger über meinen grundsätzlich anstehenden Besuch informiert worden waren, und von Desmond unmittelbar nach meiner Nachricht für diesen Abend zusammengetrommelt worden sein müssen! Anscheinend war ich durchaus  ‘ne Attraktion und Desmond wohl auch ein wenig stolz darauf, dass der Freund aus Europa tatsächlich vorbei kam!

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Wie gesagt sprach jeder sehr gut Englisch, was in der jüngeren Generation auch absolut üblich ist. Tatsächlich müssen die Schüler wohl verpflichtend noch eine weitere, vierte Sprache lernen – neben Kantonesisch, Mandarin und Englisch. Eigentlich muss man davon ausgehen, dass hier eine ganze Armada von Wirschaftsbossen und Diplomaten herangezogen wird – gut ausgebildet, versiert in mehreren Sprachen und vertraut mit der chinesischen Kultur und der westlichen Welt dürften viele der jungen Leute gute Chancen auf dem internationalen Arbeitsmarkt haben. In Hong Kong selber ist es scheinbar jedoch nicht immer so einfach. Allein der Wohnraum ist ziemlich teuer – weil entsprechend knapp! Ein junges Paar unter Desmonds Freunden hatte sich grade eine kleine Eigentumswohnung geleistet und würde die ca. 30 Jahre abbezahlen müssen.

Für den nächsten Tag hatten wir uns vorgenommen, zur „Big Buddha Statue“ außerhalb der Stadt zu fahren, wobei uns 顏小明, eine von Desmonds Freundinnen, begleitete. Leider hatte die Seilbahn, mit der man sonst eine tolle Panoramafahrt bis zur Statue machen kann geschlossen, daher mussten wir den Bus nehmen. Wiederum natürlich nicht alleine, aber trotz der absurden Länge der Schlange kamen wir zügig voran, da sowas hier eben gut organisiert war, und alle paar Minuten ein neuer Bus kam.

Der Buddha selbst saß im Nebel und selbst vom Podest zu seinen Füßen war manchmal der Kopf nicht zu sehen. Später gelang mir in einer Wolkenlücke dennoch ein ganz gutes Bild.

Auf dem Gelände der Anlage gibt es auch einen Tempel und einen „Wisdom Walk“, wo es große Säulen mit bedeutungsvollen Sätzen zu sehen gibt.

In der Nähe der Imbiss-Stände lungern auch ein paar wohl-genährte Kühe rum, die zwar geduldig für Selfies zur Verfügung stehen, dafür aber auch unachtsamen Touristen gerne mal die frisch-gekauften Snacks abnehmen.

Für den Abend war ich bei Desmonds Familie zum Essen eingeladen. In einem ganz normalen „small-town“ Vorort wohnen die Eltern, Desmond und seine kleine Schwester in einer winzigen Wohnung in einem der zahllosen Hochhäuser. Bewaffnet mit etwas Haribo, ein paar Früchten und einer großen Packung Ferrero Rocher (steht man hier total drauf, hab ich mir sagen lassen) als Gastgeschenk fuhr ich hinauf in den 40. Stock. Desmonds Vater stand noch in der Küche und bereitete eine Spezialität nach der anderen zu – hier würde ich nicht so einfach davon kommen wie noch beim Streetfood, so viel war klar! Desmond hatte unterdessen allerdings eingelenkt, und seine Eltern instruiert, keine allzu ausgefallenen Gerichte auf die Speisekarte zu setzen, somit blieben mir Hühnernieren und andere Nebenerzeugnisse aus der Fleischproduktion erspart. Es gab hauptsächlich Fisch – und zwar anscheinend  Lampreten, die Desmond selber schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte! Ich fühlte mich geehrt! So gab es neben einem „normalen Fisch“ auch Stachelrochen, welcher durchaus schmackhaft war! Neben Shrimps und Prawns gab es auch andere Schalentiere, bei denen ich mich als ahnungslos outen musste, wie man sie isst… Sea-Grasshopper zum Beispiel und Krabben. Also lernte ich, wie man Scheren knackt und auslutscht, und den Rest der Krabbe zugänglich macht und verspeist. Interessant! Aber für den Hausgebrauch bleib ich doch lieber bei Shrimps denke ich…!

Desmonds Schwester hatte noch eine Freundin da, die von allen zunächst am forschesten war, was das Englische betraf. Desmonds Vater sprach nur ein paar Brocken, seine Mutter sicherlich etwas mehr, traute sich aber nicht so recht was zu sagen. Für die beiden übersetzte stattdessen Desmond. Der Vater, ein ehemaliger Fischer, jetzt Elektriker war begeisterter Drachenboot-Fahrer.  Dieser Sport hat es als Event (zum Beispiel beim Weinfest in Briedel an der Mosel) ja sogar bis zu uns nach Deutschland geschafft. Etwa 20 Leute sitzen mit Stechpaddel in einem Boot und paddeln was das Zeug hält mit anderen um die Wette.
Desmonds Schwester, die sich mit dem Englischen ja zunächst auch etwas zierte, taute dann aber sichtlich auf und zauberte plötzlich eine Ukulele und eine Gitarre hervor und tatsächlich sangen wir schließlich alle gemeinsam den chinesischen Schnulzen-Song „The Moon Represents My Heart“ (auf Chinesisch natürlich), was zwar musikalisch keine Sternstunde, aber dennoch ein schöner Moment war!
Insgesamt war das ein schöner und sehr authentischer Abend, und ich bin dankbar für diese Einblicke ‚hinter die Kulissen‘! Danke Desmond – und danke Peter für das leckere Essen!

In Hongkong musste ich nun auch die Weichen stellen, wie, und vor allem wie lange, meine Reise weitergehen würde. Und ich kam nicht umhin festzustellen: die Reisemüdigkeit war nicht verflogen! Zwar machte mir leider auch der Fuß weiterhin Probleme, das alleine war es jedoch nicht. Ich musste einsehen: nach neun Monaten auf Achse und aus-dem-Rucksack-leben war ich bereit, mal wieder nach Hause zu kommen. Zwar war Asien in der Tat voller neuer Eindrücke, aber irgendwie war ich was das betraf fürs Erste wohl gesättigt und merkte, dass ich im Moment tatsächlich nicht mehr die Energie würde aufbringen können, mich richtig auf ein neues Land wie Taiwan oder Vietnam mit all seinen möglichen Widrigkeiten einzulassen, und Freude an seiner Entdeckung zu haben! Vielmehr wäre es jetzt vor allem ein Abhaken auf der Liste, und das wäre doch eigentlich schade drum! Daher fasste ich einen Entschluss: nach Hongkong würde ich noch für ein paar Tage nach Singapur gehen, und dann zurück nach Thailand, und es noch einmal mit Insel, Strand und Sonnenschein versuchen, denn das wäre doch ein angemessenes Ende für meine Reise! Ein Anruf bei der Lufthansa und es war beschlossene Sache!

Bevor ich zum Flughafen aufbrach, besuchte ich noch das Örtchen Stanley, das an der Südküste von Hong Kong Island liegt, und theoretisch sowas wie ein Badeort ist – allerdings sah das bleiern, feuchtwarme Klima nicht wirklich nach Strandtag aus. Nachdem ich ein wenig herumspaziert war, traf ich mich noch einmal mit Desmond und wir verabschiedeten uns.

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Mein Flug ging erst gegen 22 Uhr, was unpraktisch war, allerdings waren andere Optionen wirtschaftlich nicht vertretbar gewesen, da die Preise aufgrund des bevorstehenden Osterwochenendes in absurde Höhen geschossen waren! Daher würde ich wieder mal eine Nacht am Flughafen verbringen müssen – würde schon irgendwie gehen!

Also: Auf Wiedersehen Hong Kong – es war mir ein Vergnügen!

Nächster Halt: Singapur –  aber davon beim nächsten Mal mehr!

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