Destination Desert

Wie nun schon gewohnt, war ich meinem Zeitplan mal wieder hinterher. Nachdem ich erst mal die Lebensmittelvorräte aufstocken musste, war es schon wieder ganz schön spät, als ich mich endlich aus San Diego rausbewegen wollte. Und definitiv zu spät, um in einem durch bis nach Flagstaff zu fahren. Also fuhr ich nur runde drei Stunden Richtung Osten und verbrachte die Nacht in einem Kaff namens Yuma, welches wie so viele andere Orte in der Wüste eine Ansammlung aus breiten Straßen, Tankstellen, Fast-Food Restaurants, Geschäften und eben Motels ist. Ich hatte ein großes Zimmer, und es gab einen Pool- was will man mehr! Am nächsten Morgen schaffte ich es leider nicht ganz so früh los zu kommen wie ich wollte- ich hatte endlose Stunden hinterm Lenkrad vor mir und wollte dem Grand Canyon zumindest noch einen Erstbesuch abstatten. Während ich so durch die Einöde rollte, den Tempomat auf quälende 65 mp/h arretiert, musste ich an meinen Freund Ansgar denken, der sein Austauschjahr in der 11. irgendwo in diesem Niemandsland verbracht hat. Beklemmende Vorstellung.

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Gegen 16 Uhr erreichte ich den Grand Canyon und machte ein bisschen Strecke auf dem Rim Trail, also dem Weg entlang der Kante, um schließlich von einem der zahllosen Lookouts den Sonnenuntergang zu betrachten. Im Licht des späten Nachmittags bot der Canyon ein schönes und eindrucksvolles Bild! Man macht sich kaum eine Vorstellung, wie groß das Ding eigentlich ist, und wenn man dann so daneben steht sind die Dimensionen wahrhaft atemberaubend! Zwischen 6 und 30 Kilometer ist er breit, und bis zu 1800 Meter tief. In der Nähe der Gebäude des Nationalparks geht ein Wanderweg in die Tiefe- selbstredend mit einer Tafel, mit eindringlichen Warnungen versehen- in diesem Fall sicher nicht ganz unberechtigt. Als ich mich im Dunkeln auf den Rückweg machte sah ich in der Tiefe noch einige Lichter herumirren- Wanderer, die sich dann doch verschätzt hatten und teilweise noch einen ordentlichen Anstieg vor sich hatten.

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Für die Nacht hatte ich mit im Grand Canyon Hostel in einem Gatewayörtchen außerhalb des Parks einquartiert, wo ich beim Frühstück die beiden Deutschen Tina und Linda traf, die mir derart vom Bryce Canyon vorschwärmten, dass ich beschloss, den also doch wieder mit auf die Agenda zu nehmen, wovon ich eigentlich ob der Kürze der Zeit schon Abstand genommen hatte. Erst mal stand am nächsten Tag aber die Horseshoe Bend des Colorado Rivers, sowie der Antelope Canyon auf dem Programm. Beides ist von Bildern gut bekannt. An der Horseshoe Bend waren am Parkplatz wieder gleich mehrere Schilder, die eindringlich auf die Mitnahme von ausreichend Wasser etc. hinwiesen. Allerdings liegt der Canyon praktisch nur einen Steinwurf weit entfernt, sobald man den ersten Hügel genommen hat. Das blöde ist, dass derartige Schilder nicht immer derart maßlos übertreiben, und man sich darauf nicht verlassen kann. Wie ich im weiteren Verlauf der Reise noch feststellen sollte, gibt es auch solche, die es verdammt nochmal ernst meinen…

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Während die Horseshoe Bend toll anzusehen war, und ich ein paar schöne Fotos machte, war der Antelope Canyon leider eine Enttäuschung. Ich hatte recht spontan für den selben Tag eine Guided Tour gebucht, was leider nötig ist, da der Canyon auf Indianergebiet liegt und diese es sich nicht nehmen lassen, hier richtig abzukassieren. Man kann jetzt argumentieren „gut, die waren in der Vergangenheit selten auf der Gewinnerseite“, aber 48$ um sich `ne Viertelstunde mit zahllosen anderen durch nen engen Canyon zu schieben, das erscheint wohl etwas maßlos. Insbesondere dann, wenn eine Tour angeboten wird, die sich aufgrund der Lichtverhältnisse eigentlich nicht mehr lohnt. Denn die Bilder, wie man sie von Desktophintergründen kennt gibt’s eben nicht mehr am Spätnachmittag. Dank Langzeitbelichtung sieht es noch ganz nett aus- teilweise tatsächlich schöner als in echt. Dass auf den Bildern keiner drauf ist, ist sorgsam getimed, denn auch zu dieser späteren Stunde war es noch entsetzlich voll.

Etwas enttäuscht machte ich mich also dann am Spätnachmittag auf in Richtung Bryce- nochmal drei Stunden hinterm Steuer, aber wenn ich wirklich etwas vom Canyon haben wollte, musste ich morgen früh auf jeden Fall bereits da sein, denn nachmittags standen nochmal vier Stunden Fahrt nach Vegas an. Diesmal hatte ich keine Unterkunft gebucht und würde mir ein einsames Plätzchen suchen, im Auto schlafen, und endlich meinen 25 Dollar Walmart-Schlafsack einweihen. Zehn Minuten vor Bryce fand ich schließlich eine Resting Area- selbstverständlich mit dem Hinweis „No Camping“ versehen, aber angesichts dessen, dass es spät, und ich müde war, war mir das herzlich egal. Einem anderen, dezent hinter ein paar Bäumen geparkten Auto offenbar ebenfalls. Etwas überraschend traf mich dann allerdings die Sache mit dem wüstenhaften Klima! Während ich die meiste Zeit der Nacht versuchte, eine einigermaßen bequeme Stellung in meiner Mittelklasselimousine zu finden, wurde ich ab der Hälfte der Nacht nicht nur von schmerzenden, sondern auch von frierenden Gliedmaßen geweckt, und als ich morgens früh um sechs auch die Skiunterwäsche (Notfallplan!) schon anhatte musste ich einsehen, dass die Nacht vorüber war. Auf dem Dach des Wagens glitzerte Raureif in der Morgensonne, und die restliche Viertelstunde Fahrt zum Nationalpark war bitter nötig, um den Wagen -und mich- wieder einigermaßen aufzuheizen…

Dafür lag nun ein kristallklarer Morgen vor mir, und lässig bezog ich auf einem der Prime-Parkplätze nahe dem Visitorcenter Stellung. Kurzes Briefing mit den Park-Rangern und auf zum Sunset-Point … ironischerweise!
Was für ein Ausblick! Als hätte jemand ein ganzes Tal voller Türmchen aus nassem Sand gebaut, die in der Morgensonn golden leuchteten. Anders als der Grand-Canyon ist der Bryce Canyon einfach zu erwandern, und man kann ohne großen Aufwand zwischen den Türmen, Wänden und Bögen hin- und her spazieren. Vom Sunset Point führte ein schöner Rundweg in den Canyon hinein, der nach der Hälfte nochmal erweiterbar war, was ich auch tat. Unterwegs traf ich Greg und seine Tochter Josephine, und wir gingen den Großteil des Weges zusammen. Die beiden waren eine sehr nette Wanderbegleitung. Eigentlich aus Oregon waren sie auf einer Art Vater-Tochter Wochenende unterwegs. Jos Mutter ist wohl Schweizerin, daher spricht Jo Englisch und Schwyzerdütsch – aber kein Hochdeutsch. Irgendwie ulkig!

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Hochzufrieden klemmte ich mich also am frühen Nachmittag wieder hinters Steuer um die vier Stunden Fahrt nach Las Vegas und damit die letzte Etappe meines Roadtrips hinter mich zu bringen.
Nach einigen Stunden Wandern und der unbequemen Nacht war ich allerdings insgesamt ziemlich geschafft. Unter kontinuierlicher RedBull-Zufuhr kam ich im Abendlicht schließlich im Sin City Hostel in Las Vegas an.

 

Las Vegas

 

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Der Name klingt ja schon mal verheißungsvoll- Sin City Hostel Las Vegas! Natürlich liegen die Hostels nicht direkt am Strip, also dem Teil des Las Vegas Boulevards, an dem all die großen Casinos liegen, sondern eher Richtung Downtown Las Vegas, also quasi dem alten Stadtkern, wo es ebenfalls eine Flaniermeile gibt. Diese ist gewissermaßen der Vorgänger der bunten und blinkenden sündigen Meile ist, die heute jeder aus Film und Fernsehen kennt. Gut ausgeruht stürzte ich mich am nächsten Morgen ins Getümmel und spazierte Richtung Stratosphere, dem ersten Casino aus meiner Richtung und weiter zum Circus Circus, das unweit davon liegt. Hier gab es einen großen Indoor Vergnügungspark und gratis Zirkus Shows im Kasinobereich. Das wollte ich mir doch mal angucken und landete auf den Zuschauerrängen neben Timothy, einem netten Amerikaner, von dem ich mich dann mal in die Grundzüge des Gamblings einweisen ließ. In den Reihen der ‚Einarmigen Banditen‘ finden sich nämlich auch solche, die nur einen Cent pro Spiel kosten- so genannte ‚Penny Slots’. Ohne sofort um Haus und Hof zu bangen zu müssen, kann man sich hier also mal ein bisschen `rantasten, und überdies bei den hin und wieder vorbeilaufenden Kellnerinnen einen gratis Drink ordern- damit man bei Laune gehalten wird, und mit gelösterer Stimmung auch der Geldbeutel etwas lockerer Sitzt. Freilich kommt die Kellnerin nur wieder, wenn der Empfang des Gratis-Drinks mit einer Dollarnote quittiert wird…

Mit Timothy zusammen zog ich schließlich weiter und wir liefen staunend durchs Venice- die amerikanische Antwort auf Venedig, wo allen Erstes auf Indoor Kanälen Gondeln mit singenden Gondolieres fahren. Die Kanäle entlang laufen Fußwege und hübsche Häuserfronten, die allesamt mit Shops gefüllt sind! Sollte man doch mal Geld gewinnen kann man es hier ­– oder in unzähligen Geschäften in allen anderen Kasinos- sofort wieder ausgeben. Hier und da versuchten wir nochmal unser Glück, dann war es aber auch schon Zeit nochmal zum Umziehen ins Hostel zurück zu fahren, denn ich hatte mich spontan in die Artistik-Show „Le Rêve“ eingebucht, die auch mein Buddy Timothy an diesem Abend besuchen wollte. Das Ticket war nicht billig, aber es war eine unglaublich gute Show! Wie in einer Manege sitzt man im Theater um einen runden Pool, der wahlweise so tief ist, dass die Artisten von der Manegendecke 20 Meter tief hineinfallen können, oder so flach dass die Tänzer quasi übers Wasser tanzen. Der verstellbare Beckenboden kann auch in mehreren Segmenten zu einer Art Pyramide komplett aus dem Wasser emporgefahren werden. Fast von überall können  Wasserfontainen oder Flammen abgeschossen werden. Schöne Menschen tanzten, turnten und schwammen was das Zeug hielt und lieferten eine gigantischen Show- ich war begeistert!

Im Anschluss daran hatte ich mich mit Linda und Tina, den beiden Mädels aus dem Grand Canyon Hostel, verabredet. Zusammen mit deren mitreisendem Amerikaner und meinem Kumpel Timothy waren wir eine lustige Truppe. Wir trafen uns am Bellagio, einem der protzigsten Kasinos am Platz, wo wir uns das Spektakel der Bellagio-Fountains, einem gigantischen Wasserspiel mit Licht und Musik ansahen und dann eine gepflegte Runde gamblen gingen. Zum warmwerden wieder ein paar Penny-Slots, einfach auch mal ein paar unterschiedliche Maschinen ausprobieren. Immer wenn der eine was gewann juckte es den anderen dann doch auch in den Fingern noch etwas mehr zu wagen, und schließlich gewann ich an einem Automaten auf einen Sitz 43 Dollar. Ein großes Hallo! In der Regel läuft es allerdings so, dass man immer wieder mehr oder weniger hoffnungsfroh das Knöpfchen drückt, und das Guthaben langsam runter zählt, bis man frustriert die Maschine wechselt. Dabei entstand dieses lustige Bild wo Linda sich entscheiden muss und Tina und ich als Engelchen und Teufelchen fungieren.


Das nächste Kasino war ganz auf Paris getrimmt, inklusive Eiffelturm, der Teils im, teils außerhalb des Gebäudes zu sehen war. Hier habe ich mich dann auch mal am Roulette versucht und sogar ein bisschen was gewonnen.
Am nächsten Tag habe ich mich noch einmal komplett über den Strip treiben lassen und mir viele weitere Kasinos angesehen, wie das Cesars Palace, das Planet Hollywood oder das Luxor, welches wie eine riesige Pyramide gebaut ist. Leider war mir das Glück dann nicht mehr so hold, und im Luxor habe ich beim Roulette dann wiederum 50 Dollar verzockt. Wie gewonnen so zerronnen. Danach hatte ich auch das Gefühl es reicht mir mit dem Glücksspiel, denn man braucht sich nur umzusehen: Wasserfälle und Fontänen in der Wüste, römische Paläste und klein Venedig… das Geld bleibt zum allergrößten Teil auf jeden Fall hier! Am Abend sah ich mir mit ein paar Leuten noch die Fremont Street an- quasi den alten Strip, deutlich kompakter und heutzutage Komplett überdacht mit einem Glas/LED Dach, auf dem ab und an eine große Lightshow abgespielt wird, vor allem aber natürlich: Werbung. Ansonsten fiel hier noch ein Restaurant ins Auge, dass den „Worlds Highest Calorie Burger!“ verkaufte, und damit warb, das ungesündeste Restaurant der Welt zu sein. Aufgemacht war das ganze wie ein Krankenhaus, die Kunden trugen Patientenhemdchen, der Drink kam am Infusionsständer, und – wenn gewünscht – gab’s von der Sexy-Krankenschwester zwischendurch was hintendrauf…!

So schrill und lustig das Ganze war- langsam aber sicher war ich wirklich reif für die Insel. Nachdem ich in den letzten Wochen viele Städte und sehr viel Wüste gesehen hatte freute ich mich nun doch sehr auf den nächsten Abschnitt:

Vier Wochen Hawai’i! Aber davon erzähle ich beim nächsten Mal.

2 Gedanken zu „Destination Desert“

  1. Hallo, lieber Christian,
    ein supergutes neues Jahr wünschen wir Dir!!! Fantastische Fotos von Deiener Reise erfreuen uns und Deine Erläuterungen sind super zu lesen.

    Liebe Grüße, Barbara & Herbert

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